Karl Anton Fleck.

zum 75. Geburtstag und 20. Todestag
Vernissage: 18.11.2003 19:00
19.11.2003 bis 23.12.2003



Die Galerie Chobot präsentiert Karl Anton Fleck auch auf der Kunst Wien im MAK 16.10. - 19.10.2003 Stand EG 13

Selbstverleugnungen und Selbstverfremdungen nehmen einen breiten Raum ein im zeichnerischen Werk von Karl Anton Fleck: "Wenn Sie zu mir Hundsvich sagen, ist’s für mich ein Kompliment. Sagen Sie nur nicht mit Hochachtung und eitlem Blick Mensch zu mir", vermerkte Fleck auf einem Blatt Papier, "sagd’s Hundsvich zu mir – bitte", forderte er. Das Infragestellen der eigenen Persönlichkeit, der Wunsch, seine Identität zu verlassen, in eine andere Haut zu schlüpfen, war bei Karl Anton Fleck Ausdruck einer tiefen Einsamkeit, eines masochistischen Leidens: Sich in die Enge treiben, vor sich selbst davonlaufen auf der Suche nach einem anderen Ich. So sind seine Selbstbildnisse keineswegs die Manifestation einer Eitelkeit, sondern Zeugnisse für das Bestreben, die eigene Persönlichkeit auszulöschen, zu verstümmeln. Zwanzig Jahre nach dem Tod des Zeichners und Graphikers hat sich der kunstgeschichtliche Standort Flecks gefestigt. Karl Anton Flecks Arbeiten sind Bruchstücke, allgemein gültige Fragmente einer zerbrechenden Welt, Vexierbilder im eigentlichen Sinn des Wortes – Bilder, die irreführen, quälen, necken.

Sich vorzudrängen, sich anderen aufzudrängen war nicht seine Sache. Lieber hat er sich im Hintergrund gehalten, hat gezeichnet, als sich um die Vermarktung seiner Arbeiten zu kümmern. Das Ausleben seiner Kreativität genügte ihm zur Bewältigung innerer Spannungen. Sein Brotberuf – Photoretuscheur – läßt sich in seinem Werk nachweisen. Er war gewohnt, alles als Negativ zu sehen – was keineswegs negativ zu verstehen ist, sondern lediglich als Gegensatz zu positiv. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich begriffen habe, was er meinte, wenn er erklärte "hier muß ich noch ein Licht aufsetzen" und dabei wie wild mit dem Zeichenstift gestrichelt hat. Hell ist dunkel und dunkel ist hell in seinen Zeichnungen, eben negativ. Über diese Eigenwilligkeit in seinem Werk, möglicherweise auch in seiner Person – hätte ich gern mehr von ihm selbst erfahren. Vielleicht auch über die Verfremdungen seiner Selbstporträts, diese "Fleckviecher", wie er sie genannt hat, oder diese Verwandlungen in andere Personen und Tiere.

Die Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gegen Ende der sechziger Jahre, wie sie sich etwa in der Studentenbewegung und der Popkultur manifestierten, hinterließ auch im Werk von Karl Anton Fleck eine Zäsur. Die Unruhe und Spannung, die sich einer Generation bemächtigt hatte, übertrug sich ebenso auf den Graphiker. An die Stelle der Abstraktion traten konkrete Aussagen. Figuren, Hände, Gesichter tauchten auf. Inhalte drängten sich in den Vordergrund. Ästhetische Wirkungen waren nicht mehr länger Selbstzweck, sondern eine Selbstverständlichkeit.

In dieser Zeit besuchte Fleck regelmäßig den legendären Abendakt Herbert Boeckls. Durch die Auseinandersetzung mit dem nackten menschlichen Körper erschloß sich ihm die Gegenständlichkeit, eine Entwicklung, die er in den Porträtdarstellungen der nächsten Jahre konsequent fortführen sollte.

Als Fleck 1970 begann, das Porträt als künstlerisches Genre für sich zu entdecken, war seine Verwunderung über die weitgehende Mißachtung dieser Ausdrucksmög-lichkeit in der zeitgenössischen Kunst für ihn ein Anlaß aufzuzeigen, daß Photo und Bild zwei gänzlich unterschiedliche Dinge sind. Auf photographische Ähnlichkeit, wie sie von den Photorealisten propagiert wurde, hat er in seinen Porträtzeichnungen und Selbstporträts nie Wert gelegt. Das war ihm genauso langweilig wie eine verkrampft-statische Haltung seiner Modelle. Darum hat es ihn auch nicht gestört, wenn man sich bewegt hat, während er zeichnete. Als er von mir eine Serie von Porträts anfertigte, war es mir sehr angenehm, daß ich dabei reden, trinken, rauchen durfte. Er wollte, daß sich seine Modelle so verhielten, wie sie es immer taten, sie sollten sich nicht durch den Blick des Zeichners irritieren lassen.

Als Erbe von Flecks tachistischer Phase – während der ersten Hälfte der sechziger Jahre – können die kalligraphischen Einsprengsel gesehen werden, Schriftzeichen, deren Sinn in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Am Betrachter liegt es, ob er sich auf eine Entzifferung einläßt. In zahlreichen Arbeiten des Jahres 1967 finden sich zudem Elemente des automatischen Zeichnens, gleichfalls Reste tachistischer Auffassung. Schriftliche Hinzufügungen, insbesondere die graphische Gestaltung mancher Bildtitel als integrierten Bestandteil einer Zeichnung, bleiben für den Künstler charakteristisch. Oftmals stellte Fleck die Perspektive auf den Kopf, schlug ihr ein Schnippchen, indem er ein Blatt während des Zeichnens drehte. Dem Raum gestand er hingegen eine untergeordnete Rolle zu, denn es ging ihm nicht darum, die Illusion von Dreidimensionalität auf dem zweidimensionalen Papier zu erwecken. Vielmehr diente ihm die Fläche als Projektionsebene, um Ausschnitte unter verschiedenem Blickwinkel, Fragmente des täglichen Erlebens und Empfindens übereinander und nebeneinander zu einem Ganzen, einer neuen Einheit zusammenzufügen. Die Reizüberflutung, der sich ein Mensch heute ausgesetzt sieht, findet in der Überfülle Fleckscher Blätter Ausdruck und Entsprechung. Durch die Hintertüre des Spiegelbildes – insbesondere bei den Porträts und Selbstporträts – verschaffte sich die Abbildung des Raumes Zutritt.

Um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu mobilisieren, ihn mit seiner Aussage zu konfrontieren und seinen Blick gefangen zu nehmen, integrierte Karl Anton Fleck in den Jahren 1969 bis 1971 in seine Zeichnungen Signale, deren abstrahierte Umrisse von Metaphern und Symbolen erfüllt sind, Chiffren der Wahrnehmung – private Piktogramme.

In ihrer Empfindlichkeit und Sensibilität erfassen seine Arbeiten die Problematik unserer Zeit. Flecks Phantasie erschien schier unerschöpflich. Indem er seine Umgebung skeptisch betrachtete, bekam er stets neue Anregungen. Am Morgen, wenn er zur Arbeit ging: Menschen, die ins Büro hasteten, Straßen überquerten, überfüllte Straßenbahnen, Hektik, Autos, Hunde mit ihren Herrchen und Frauchen, Tauben, schließlich die Bürokraten. Die Umwelt, die er ironisch kritisierte, verfremdete und abbildete, um sie uns vor die Nase zu halten, so wie sie wirklich ist – verzerrt, verrückt, bösartig, erbarmungslos, brutal. Das waren die Stadt-Landschaft, wobei Fleck niemals seinen Beobachterposten verließ.

Auf der anderen Seite die Land-Landschaft. Sie hat der Stadtmensch Fleck während eines Aufenthaltes im Neumarkter Atelierhaus entdeckt. Flecks Landschaften sind organische Wesen, die leben und atmen, sich bewegen, grimmige Ungeheuer, die drohen und selbst bedroht werden, von anderen – weitaus gefährlicheren. Menschen sind in Flecks Landschaften bloß Staffage, willkürlich vorhanden, ausgesetzt und hilflos sich selbst überlassen.

Der 1928 geborene Künstler wurde von seinen Eltern zu einer Lehre im graphischen Gewerbe gedrängt. Als Maler und Zeichner war er Autodidakt. 1953 ging er für fünf Jahre nach Schweden, wo er mit Landschaftsaquarellen großen Erfolg hatte. Wieder zurück in Wien findet Fleck allmählich seinen unverkennbaren Stil: Aussparungen und Reduktion auf das Wesentliche einerseits, Verzerrungen und Anhäufung von Details und Symbolen andererseits. Zusammengehalten wird dieses Konglomerat von einem klaren, markanten Umrißstrich, der die Konturen exakt festlegt. Diesem statischen Element gegenübergestellt werden nervöse, dynamische Strichbündel. Sie setzen die Akzente und Schwerpunkte, wodurch den Zeichnungen die ihnen eigene Spannung verliehen wird. Häufig wird durch die Verwendung von Wachskreiden dieser Effekt noch verstärkt. Mit einem Tuch verwischte der Künstler den unfixierten Bleistiftstrich, um durch die Grautönung eine "weichere" Fläche zu erhalten, wobei mit Hilfe eines Radiergummis eine Tiefenwirkung, eine Art "Höhung" erzielt wird.

Von fundamentaler Wichtigkeit für den Zeichner Fleck ist der menschliche Körper. In nahezu allen Zeichnungen, selbst in den Landschaften, finden sich Fragmente von Gliedmaßen sowie von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen.

Karl Anton Fleck beschäftigte sich aber nicht nur mit der bildenden Künst, er war Universalist. Als der Jazz am Ende des Zweiten Weltkriegs in Wien Fuß faßte, war Fleck Musiker. Er spielte in verschiedenen Clubs und studierte Schlagzeug am Institut für Jazzmusik. Nachdem er Ende der fünfziger Jahre das professionelle Musizieren aufgab, pflegte er dennoch zu Vernissagen gemeinsam mit Freunden Free-Jazz-Sessions abzuhalten. Diese Abende wurden meist lang, und die Musik erfaßte sowohl die Musiker als auch die Zuhörer. Das Gesicht des Percussionisten Fleck nahm einen anderen Ausdruck an als jenes des Zeichners. Offenbar sprach das Zeichnen seine linke Gehirnhälfte mehr an als die Musik, die sich in einem beinahe euphorischem Glücksgefühl manifestierte. Während der Zeichner bei der Arbeit alle paar Minuten einen Schritt von der Staffelei zurücktrat, in der Rechten seinen dicken schwarzen Graphitstift, die Stirn runzelte, die Augenbrauen hochzog und mit einem kritisch-prüfenden Blick das Ergebnis maß, genoß der Musiker die Trancehaftigkeit des Rhythmus.

Die schriftliche Hinterlassenschaft des Künstlers Karl Anton Fleck zeugt von einer Beschäftigung mit der Sprache in Relation zu seiner Arbeit und seinem Lebensgefühl: "Imma / waun / i / aufwach / bin / i / vawundat". Die Verwunderung betraf den Zustand der eigenen Existenz, seine Todessehnsucht und den Hang zur Selbsterniedrigung. Die schizoide Haltung dieser Welt gegenüber versetzte Fleck in eine permanente kreative Spannung. Während der Schreiber Fleck sich in ironisch-phantastischer Weise mit an Kochrezepte erinnernde Notizen zu noch anzufertigenden Bildern beschäftigte, zog der Dichter Fleck das Resümee: "Es / gibd / kaum / a Stund / wo / i / ned / an Duaschd hob / und / ia / schauds mi olle / so ausdriggad au".

Am 5. Dezember 1983 starb Karl Anton Fleck. Die langsame Selbstauslöschung mit Hilfe von Alkohol war abgeschlossen.

Ein Essay von Manfred Chobot